Neulich

Ich muss ja ehrlich zugeben, dass ich mit dem ganzen „Genderzeugs“ nicht viel anfangen kann. In der Grundschule habe ich gelernt, dass die Mehrzahl mit dem generischen Maskulinum gebildet wird und ich finde bis heute nichts daran verkehrt. Für mich ist dieser Ausdruck geschlechtsneutral. Auch sehe ich ein, dass sich eine Sprache immer weiter entwickelt und sich der Gesellschaft anpasst, aber das erscheint mir nur so künstlich und zusammengepresst, da rollen sich einfach meine Zehnnägel zusammen. All die Trainer*innen, Manager/innen und Sonstwerweißwas-innen nerven mich einfach nur. Ich finde es beim Lesen anstrengend und beim Schreiben sowieso. Es ist so ein überflüssiger Apendix, da zieht es mir innerlich sämtliches Gedärm zusammen. Meiner ist übrigens schon seit Jahren raus, vielleicht liegt es auch daran. Es soll ja Sprachen geben, in denen kein generisches Maskulinum benutzt wird. Werden da Frauen wirklich immer besser behandelt? Gibt es in diesen Sprachräumen keine oder weniger Vorurteile? Muss man in diesen Ländern nach Sexisten suchen? – Ich zweifle.

Da sind wir schon fast beim Thema. Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern ist tatsächlich nicht allgegenwärtig, Sexismus dafür  deutlich öfter. Das muss man einfach zugeben aber ob das ein *innen wirklich ändern kann?

Neulich war ich mit zwei Freundinnen unterwegs. Wir haben bei mir geschlafen. Keine Sorge, ich habe mein Bett zur Verfügung gestellt und selbst die Couch benutzt. Lasst also jetzt die Hand aus der Hose. Es war ein wirklich cooler Abend aber das eigentlich Interessante war der nächste Tag. Die Mädels chillen bei A->Z Prime und Tinder auf der Couch. Ich beobachte das Spektakel im Stillen während ich durch das Angebot zappe.

„Geiler Typ, schau Dir den mal an.“

„Nein, der ist jetzt wirklich nicht Dein Ernst?“

„Ich schreib schon seit einer Woche mit dem.“

„Zeig mal her!“

„Das ist doch auch nur dünne. Hier schau Dir den mal an.“

„Was ist denn das bitte für ein Miststück!? Jawoll“

Das Tinder und Co wie Shopping ist, war mir ja klar. Das sich Frauen über Männer unterhalten war mir bekannt. Das man sich unter „vier“ Augen auch mal ganz freizügig unterhält, das war mir klar. Das den ganzen Nachmittag aushalten, das ist erst amüsant und später grenzwertig. Ehrlich, ich mag die beiden total aber ich habe mich danach bei Tinder abgemeldet. Sexismus ist wohl scheinbar nicht geschlechterabhängig.

Mal im Ernst, alle Welt „gendert“ seine/ihre (ich komm‘ drauf echt nicht klar) Texte aber letzten Endes ist es egal welchem Geschlecht man angehört. Wir werden als Individuum in der Gesellschaft wohl nicht immer an unseren individuellen sondern eben auch an unseren universellen Eigenschaften gemessen. Ob man als Mann schon beim kleinsten Schnupfen die Nägel in der Tasche hat oder als Frau nicht einparken kann (ich kann es übrigens auch nicht), letzten Endes sind es doch die Schubladen in unseren Köpfen derer wir uns bedienen und denen wir erliegen. Und messen heißt auch vermessen und Unschärfen und Ungenauigkeiten sind dann vorprogrammiert.

Bevor wir die nächste Schublade ziehen, sollten wir einfach dem anderen Geschlecht mit mehr Respekt begegnen, dann braucht es vielleicht auch keine umständliche Wortglauberei. Sofern es bessere Lösungen gibt, schließe ich mich dem gern an. So finde ich im „Rat der Studierenden“ eine ganz praktikable und ansehnliche Lösung auch wenn ich mich erst daran gewöhnen musste.

Mittlerweile bin ich wieder bei Tinder aktiv aber das ist eine andere Geschichte.

Der geheime Spot der keiner ist.

Es gibt unzählig viele Plätze. Um ein paar zu nennen: Marktplätze, Sitzplätze, Umschlagplätze oder auch Parkplätze. Ich erhebe hier keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Bestimmt hat auch jeder seinen Lieblingsplatz. Einen Platz für jede Lebenslage. Es soll ja auch Leute mit dem sprichwörtlichen Platz an der Sonne geben. Die genauen Koordinaten sind mit allerdings unbekannt. Manch anderer bevorzugt auch lieber den Platz an der Bar. Zugegeben, auch ich mag den hin und wieder. Gern mit einem guten Freund und bei einem guten Gespräch. Hier und da kann man noch die Säufer von nebenan ansprechen und ruckzuck hat man ein abendfüllendes Programm. Gar nicht so schlecht mit diesen Plätzen. Läuft!

Dann gibt es noch den einen Platz an dem man gern alleine ist, zum Nachdenken, Innehalten, laut schreien oder eben einfach nur alleine sein. Dieser eine Platz den Du mal bei einem Spaziergang, auf einer Radtour oder beim Pinkeln gefunden hast, weil der Heimweg noch zu lang war und du eine ruhige Stelle gesucht hast. Einen Platz den so schnell keiner findet und kennt. Hier findest Du den Kanal in dein Innerstes, Zugang zu deinen Gefühlen. Du kannst Gedanken und Probleme erfassen, sortieren und bewältigen. Wenn Du willst, ist das der Schrein zu deiner Seele. A place to be! Works for me.

Ab und an gibt es noch die Plätze, die man zu zweit findet und sagen wir entweiht. Du liegst mit Freundin am Strand und plötzlich überkommt es Dich. Die Hand krabbelt vom Unterschenkel zum Oberschenkel und auf einmal ist sie unterm Handtuch. Vollkommen unauffällig und ganz bestimmt schaut auch keiner hin. Der Reiz liegt ja bekanntlich im Verborgenen und irgendwie macht es einen ziemlich an, dass zwar jeder zusehen kann aber kein weiß ob wirklich was passiert. Und während ich langsam in die Gedankenwelt abgleite höre ich nur von nebenan: „Papa, was macht der Mann da bei der Frau?“ – Das ist der Titantic-Moment. Du denkst, Dich stören all die Leute um Dich herum nicht die Bohne, und dann krachst Du gegen einen Eisberg. Aber der Kapitän verlässt das sinkende Schiff nicht. Er rennt zum Steuer und versucht das Ruder herum zu reißen. Es nützt nichts. Irgendjemand hat scheinbar „Frauen und Kinder zuerst!“ gerufen und mit festem Druck pressen beide Oberschenkel meine Hand zusammen.

„Lass uns ein anderes Plätzchen suchen.“

Gut, es war wohl doch nur ein kleiner Eisberg und der Schaden liegt nur oberhalb der Wassergrenze. Also schnell die Sachen gepackt und auf die andere Seite des Sees, dort wo es nur ein paar Bäume, hohes Gras und keinen Sandstrand mit hunderten von Leuten gibt. Nach einer Weile im hohen Gras, zwischen den Bäumen angekommen und die Decke ausgebreitet geht es mit der Bootstour weiter. Hier hat man bestimmt seine Ruhe. Nun nochmal von vorn aber jetzt mit 1 1/2 facher Geschwindigkeit. Küsschen hier und Küsschen da, Unterschenkel, Oberschenkel, die Hand tief im Schritt. Gerade als noch der letzte Fetzen Stoff fallen soll vernehme ich ein lautes Stöhnen. Kurzer Blick über das Gras –  Nichts zu sehen. Ich schaue mich mit meiner Freundin fragend an und will gerade weiter machen…

„Ja, ja, ah!“

„Schau mal nach!“

Mit sparsamen Blicken beuge ich mich der Aufforderung. Während ich bekleidet mit nur noch der abstehenden Badehose aufstehe und über das Gras schaue, zieht sich meine Freundin, nun doch vom großen Eisberg erfasst, ihre Sachen wieder an. Keine hundert Meter entfernt raschelt das Gras und mich schaut eine vollkommen entsetzte Brünette mit ihren blanken Brüsten an. Sie gibt einen kurzen aber lauten Schrei ab und taucht wieder unter. Es raschelt diesmal etwas mehr. Offenbar ziehen sich beide ziemlich überhastet an. Jawohl, jetzt kommt auch ihr Typ, der etwas verlegen in meine Richtung winkt, aus der Versenkung und beide verschwinden schnellen Schrittes Richtung Straße.

Mit einem Lachen rufe ich noch hinterher „Wir hätten soviel Spaß zusammen haben können.“, ehe beide verschwinden. Offenbar wollten sie das aber nicht mehr hören.

Wieder was fürs Leben gelernt. Wenn Dich bei 30 Grad im Schatten der Eisberg trifft, dann war es wohl der falsche Platz. So gibt es wohl einige Plätze an denen man sich unbeobachtet und alleine fühlt aber ob du wirklich richtig stehst…. siehst Du, wenn die falschen Brüste übers Gras schauen. *die Ferkel*

Ich bin jetzt wieder an der Bar.

Ein sicherer Deal

Die Romanze ist in den letzten Atmenzügen und Du bist schon am überlegen wie alles möglichst ohne viel Tamtam über die Bühne geht. Jemanden verletzen ist jetzt auch nicht unbedingt Dein Ding aber seien wir ehrlich, dass einseitige Trennen bei Gefühlsdingen ist immer schwierig. Für die eine Seite die es hart Trifft und für die vielleicht ein Traum endet und für die andere Seite die erklären muss warum sich die Gefühlswelt nicht mehr um den anderen dreht. Das eine mag vielleicht kurzfristiger sein wie das andere aber wenn man stets ehrlich zueinander war ist es für beide Seite nicht einfach.

Manchmal vergeht dann etwas Zeit, man trifft sich der guten alten Tage wegen und es kommt Dir so vor wie die kurze Pause nach dem Remis eines Länderspiels in der K.O. – Runde. Die Verlängerung hast Du bereits hinter dir. Du hast ja gehadert und überlegt ob man die Beziehung nun beendet oder eben nicht und wie du das angehst ohne jemanden zu verletzen. Die regulären 90′ plus die halbe Stunde Nachspielzeit sind also vorbei und Du gehst direkt ins Elfmeterschießen. Freundschaft Plus, davon hat doch jeder schon geträumt. Freundschaft Plus klingt aber auch wie ein schlechter Aktienfond. Und das ist es auch!

Du bekommst also Anleihen auf Freundschaft Plus angeboten. Dein gesunder Menschenverstand sagt Dir, da ist was faul. Du lehnst also ab und lässt dich nicht bequatschen. Sehr gut, das Thema wir die nächsten 5 Minuten totgeschwiegen.

„Anleihen“

„Win-Win“

Die Scheiße nagt und Du denkst an die Abstinenz bis du wieder jemanden gefunden hast.

„Eigentlich war der Sex doch gut“

Die 5 Minuten sind um und Dein Gegenüber sagt dir, dass die Anleihen nur noch heute zu erwerben sind. „Deal or no Deal?“ Keine Verpflichtungen und eins zweimal die Woche gibt es eine Gewinnausschüttung – versteht sich ja von selbst. Was soll’s, ins Kloster kann man immer noch. Du willigst ein und merkst, dass dein „Geschäftspartner“ bereits über die langfristige Rendite denkt. Besiegelt ist besiegelt und der Vertrag ist natürlich jederzeit kündbar also auf geht es den Kurs ankurbeln. Nun ist das aber so eine Sache mit den Aktien. Der Kurs steigt und sie wird immer attraktiver. Du als vorsichtiger Anleger hast hier und da schon was von Blasen gehört. Nicht diese unangenehmen Dinger an den Füßen die irgendwann wieder abheilen sondern die, die platzen und richtig an die Substanz gehen können. Du willst also Deine Anteile los werden und dich nach etwas anderem umsehen. Jetzt wird es aber schwierig, weil Dein Partner diesen attraktiven Fond nicht einfach abgeben will. Es gibt ja noch die langfristigen Ziele. Jetzt erkennst Du auch, dass ein Fond auch tatsächlich nur langfristig Sinn macht. Du bist also naiv in die Höhle des Löwen gesprungen.

Die Erkenntnis kommt aber zu spät. Die Blase ist geplatzt. Du zieht die Notbremse und der Zug den du ins Rollen gebracht hast kommt ruckartig zum stehen. Unangeschnallt knallst Du mit dem Kopf in den Sitz vor Dir.

„Hartschale… Scheiße tut das weh!“

Der Müller

Ich laufe nun bereits seit knapp 7 Jahren als Single durchs Leben. Mich stört es nicht allein zu sein. Im Gegenteil, ich liebe die Freiheit mich nicht ab- oder anmelden zu müssen, spontan Freunde anzurufen um etwas zu unternehmen oder durch die Nacht zu ziehen ohne ein schlechtes Gewissen zu haben, dass jemand ohne mich allein zu Hause auf dem Sofa hockt und wartet. Ich möchte mich nicht für dies und jenes rechtfertigen und schon gar nicht für meine Arbeit und warum ich soviel Zeit damit verbringe.

Ab und an trifft man auch mal Menschen, die das verstehen und tolerieren, die mich in meinem Tun und Machen nicht einschränken und mir keine Rechtfertigung abverlangen. Rechtfertigungen dafür, dass ich mich nicht gleich gemeldet habe oder, dass ich mal eine Woche gar keine Zeit hatte oder Zeit für mich selbst brauchte, Zeit für mich und meinen Seelenfrieden, Zeit um abzuschalten oder zum reflektieren.

So einen Menschen findet man nicht überall. Umso schöner ist es, wenn sich dann doch die Wege kreuzen und man feststellt, dass es die ein oder anderen Berührungspunkte gibt. Man gibt also sein Bestes und lässt sich auf etwas Neues, Ungewisses, ja vielleicht sogar Abenteuerliches ein. Beziehungen sollen ja öfter so anfangen, hab ich mir sagen lassen. Du unterhältst Dich gut, unternimmst etwas zusammen, der Sex ist gewöhnlich gut und eigentlich könnte man zufrieden sein.

Eigentlich – Eigentlich heißt eigentlich nicht! Und uneigentlich? Die Frage tauchte in diesen 7 Jahren immer wiederkehrend auf. Meistens ist es die Summe an kleinen Dingen die man vielleicht lieben könnte aber in mir zu einem Knoten anwachsen der mir die Luft zum Atmen nimmt. Plötzlich fühle ich mich nicht mehr frei. Wie ein Müller schleppe ich die schweren Säcke in und aus der Mühle, von der Früh bis in den Abend, heute, morgen, übermorgen und bis das der Tod und scheidet. Nun… Müller ist nicht mein Traumberuf.

Bindungsangst – Vergiss es! Nach all den Mühlen, Bergwerken und Fließbandarbeiten wird auch mir einmal ein Job an der Karibikbar angeboten. Dann kann auch ich meine Freiheiten einschränken und mich trotzdem noch frei fühlen.

Kapitel 1 – Der Anfang vom Ende

Ich öffne langsam meine Augen. Meine Erinnerung an die letzte Nacht ist genauso verschwommen wie mein Blick. Mir ist etwas schwindelig und ich fühle mich wie gelähmt, unfähig mich zu bewegen. Leichte pulsierende Kopfschmerzen machen sich bemerkbar. Das Tageslicht, obwohl nicht besonders hell, brennt mir in den Augen. Ich kneife sie zusammen um wieder scharf sehen zu können aber es hilft nicht. Vor meinen Augen befindet sich ein Meer von Grüntönen die sich abwechselnd im und gegen den Uhrzeigersinn drehen und kleine Streifen und Fäden unterschiedlichster Farben nach sich ziehen. Je länger ich versuche ein scharfes Bild vor Augen zu bekommen umso mehr merke ich, wie sich die Kopfschmerzen in den Vordergrund drängen. Das sind die Nachwirkungen der letzten Nacht. Ich muss es wohl ziemlich übertrieben haben, denn irgendetwas fühlt sich so gar nicht richtig an.

Da ich mich nun nicht bewegen und auch nicht wirklichen etwas sehen kann beschließe ich einen Moment Inne zu halten und gedanklich meinen Körper von unten nach oben zu checken. Ich konzentriere mich auf meine Zehen und tatsächlich, ich kann sie bewegen. Etwas erleichtert muss ich grinsen als ich bemerke, dass ich offensichtlich noch meine Schuhe besitze. Das wäre schließlich nicht das erste Mal, dass ich mit den Jungs unterwegs war und am nächsten Morgen halb bekleidet und ohne Schuhe irgendwo im Nirgendwo erwache. Und während ich daran denken muss stoße ich ein leichtes: „Gott sei Dank“ aus meinem ziemlich trockenen Mund. Reden kann ich also offensichtlich auch noch.

Meine Gedanken schweifen wieder ab und ich überlege ob man reden kann und seine Beine spürt wenn man nicht mehr unter den Lebenden weilt. Irgendwie erheitert mich der Gedanke, dass es das Einzige ist was man noch macht wenn man in der Kiste liegt. Vermutlich würde man dabei auf Ewig und in Gedanken Jazz hören und genau diese verwirrenden Grüntöne sehen.

Das klingt irgendwie genau nach meiner Situation und mir läuft ein kalter Schauer über meinen Rücken. Hab ich das gerade gefühlt oder bilde ich mir das nur ein? Etwas sticht mir in den Rücken. Etwas oberhalb vom Lendenwirbel, da wo die ganzen Schreibtischhengste ein Hohlkreuz haben. Ich ziehe meine Schultern hoch und winde mich etwas auf dem Boden. Das Stechen lässt erst nach und verschwindet dann ganz. Bin ich ein Schreibtischhengst, habe ich ein Hohlkreuz? Obwohl ich mich an vergangene Saufgelage mit den Jungs erinnere weiß ich nicht so recht, wer oder was ich bin. „Wer bin ich?“ – „Puh!“ Es fällt mir wieder ein – „Julian. Ich bin Julian.“

Nachdem ich das nun geklärt habe, versuche ich weiter meinen Körper abzutasten und mich zu konzentrieren.

Unterschenkel – Check, die Waden lassen sich anspannen.

Oberschenkel – Check, die Muskel zucken, wenn auch etwas mühselig.

Die Bauchmuskeln – Hab ich überhaupt welche? Mir fällt ein, dass ich nicht unbedingt der Sportlichste bin. Daher sicher auch das Hohlkreuz. Verdammt, ich muss mich mehr bewegen sonst bin ich mit vierzig ein Wrack. Vielleicht bin ich ja schon vierzig? Bin ich vierzig? Ich bin mir nicht sicher aber Woodstock habe ich nicht erlebt. Wann war das, in den Sechzigern? Welches Jahr haben wir heute? Vergessen wir das. Konzentrier Dich! Ich atme tief und langsam durch den Mund ein und spüre wie sich mein Brustkorb hebt. Nachdem ich die Luft kurz angehalten habe atme ich langsam wieder aus und mein Brustkorb beginnt sich zu senken. Das ist ein gutes Zeichen, oder? Jedenfalls ist es mehr als nur mit den Zehen zu wackeln und Jazz zu hören. OK – Jetzt die Hände. Linke Hand, kleiner Finger – läuft; Ringfinger läuft; Stinkefinger – Wer hat sich nur dieses hässliche Wort dafür – läuft; Zeigefinger und Daumen weisen ebenfalls Funktionen auf. Der Versuch mit der rechten Hand läuft ebenfalls ganz akzeptabel. Die Oberarme lassen sich auch anspannen. Mir scheint, dass es an der Zeit ist etwas mehr zu probieren.

Die Koordination beider Arme oder Beine oder gar von Beinen und Armen gleichzeitig ist sicher eine gute Übung um wieder in die Gänge zu kommen. Vorab sollt ich die Scheinwerfer nochmals prüfen. Augen auf! Augen auf! Verdammt! Die Lieder kleben zusammen als hätte ich eine scheiß Erkältung. Ein kurzes aber knackiges Panikgefühl befällt mich. Bin ich doch schon tot? Ich probiere es nochmals und die Lieder lösen sich voneinander. Der grüne Drehwurm ist noch da. Beim näheren Betrachten kommt es mir so vor als sei er jetzt langsamer als vorher. Der Versuch Scheinwerfer aus, Scheinwerfer an endet mit demselben Ergebnis. Scheinwerfer aus und zurück zum alten Plan.

Ein Schneeengel ist der erste Gedanke der mir in den Sinn kommt. Was mache ich aber nur wenn es gar kein Schnee ist auf dem ich liege? Der Ekel breitet sich in mir aus und ich stelle mir vor, dass ich nach dem letzten Abend in etwas sehr unappetitlichen liegen könnte. Hätte ich das nicht schon beim Fingertest spüren müssen? Schlimmer als jetzt kann es sicher nicht werden. Ich versuche doch erst den Boden mit den Händen abzutasten.

Konzentriert schaffe ich es meine Arme gleichzeitig auf und ab zu bewegen. Der Grund fühlt sich rau aber gleichzeitig auch sanft an und bildet einen leichten Widerstand gegen meine Bewegungen. Fasziniert von dem Material fangen meine Beine automatisch an sich zu bewegen. Es wird heller. In Gedanken verlasse ich meine Körper und sehe mir dabei zu wie ich unter einem Baum liegend einen Schneeengel in den kurz geschnitten Rasen darunter mache. Rasen, Gras. Wie automatisch geht der Riechkolben an und offenbart mir einen nicht unbekannten und süßlichen Geruch.

Noch immer mich selbst betrachtend schreie ich meinen Alter Ego an: „Mach endlich die verschissenen Augen auf und komm mit Dir klar!“ Es wird kurz wieder dunkel. Ich spüre, dass ich auf dem Bauch liege. Beide Arme sind unter dem Kopf verschränkt. Der Sabber läuft mir aus dem Mund. Nachdem ich meinen Kopf zur Seite gedreht habe öffne ich langsam meine Augen. Das Bild ist immer noch unklar aber dafür schemenhaft und nicht mehr so schrecklich grün. Die Kopfschmerzen machen sich wieder bemerkbar und eine innere Stimme sagt mir, dass ich mich lieber wieder unter den Baum begeben sollte.

Um die örtliche Orientierung was es scheinbar schon besser bestellt, denn obwohl sich meine Blicke langsam etwas schärfen habe ich keinen blassen Schimmer in welchem Bett ich aufgewacht bin. „Los, zieh Deine Sachen an!“ tönt es etwas poltrig von nebenan. Die Toilettenspülung springt an und kurz darauf tritt eine kleine, blonde, fast nackte Schönheit vors Bett. Der Anblick scheint mein Sehvermögen wieder genesen zu lassen, denn sofort schärfen sich meine Blicke. Ich drehe mich auf den Rücken, verschränkte die Hände jetzt hinter meinen Kopf. Ich muss etwas nachdenklich aussehen. „Du hast keine Ahnung wer ich bin, oder?“ Fragt sie mich zugleich vorwurfsvoll während sie ihre Arme in die Hüfte stemmte. Für einen kurzen Moment suche ich die Umgebung nach nützlichen Hinweisen ab, kann aber nichts Brauchbares finden. Für meinen Geschmack ist der halboffene Raum der scheinbar zum Wohnzimmer mündet etwas spärlich eingerichtet. Es gibt keine Bilder, die Wände sind kahl und weiß. An der Decke hängt eine Fassung mit eingeschraubter Glühbirne. Da wo eigentlich ein Schrank stehen sollte ist ein rollbarer Kleiderständer mit ein paar Jacken und Oberteilen. Daneben liegen noch zwei Stapel, einer mit zusammengelegten Jeans, der andere mit T-Shirts. Ich wende mein Blick wieder zu Ihr und mustere Sie von ob bis unten. Ein etwas bitter aber süß dreinschauendes Gesicht mit großen, braunen Augen, einer etwas zu kleinen, flachen Stupsnase und schmalen Lippen, wartete sichtlich auf eine Reaktion. Ihre blonden mit dunklen Strähnen gefärbten Haare bedeckten die Brustwarzen ihrer kleinen, runden Brüste. Der flache Bauch wurde von einer um den Bauchnabel tätowierten Sternschnuppe und einem glitzernden Piercing geziert. Ihre leicht gebräunte Haut sieht sehr gepflegt aus. Sie wird wohl Mitte zwanzig sein. Alles in allem ist es recht schade, dass ich mich gerade nicht an letzte Nacht erinnern kann.

„Arschloch“ Knallt Sie mir an den Kopf und bevor ich etwas sagen kann dreht sie sich um und läuft in den Nebenraum. Das Klicken eines elektrischen Feuerzeugs lässt mich darauf schließen, dass sie sich vor Wut gerade eine Zigarette angezündet hat. Irgendwie muss ich die Situation retten. Ich wälze mich auf die andere Seite des Bettes. Mit etwas Glück liegen dort vielleicht ein paar brauchbare Informationen. Gut, meine Klamotten hat sie noch nicht aus dem Fenster geworfen, die liegen etwas zerstreut neben dem Bett. Verdammt, warum kann ich mich nicht an letzte Nacht erinnern? Vielleicht sollte ich mich erst einmal anziehen. Ich schiebe die Bettdecke zur Seite, lass die Beine aus dem Bett hängen und richte mich auf. Zu meiner Verwunderung habe ich meine Unterhose noch an. Nochmals verdammt, die Vorstellung mit der Kleinen kopuliert zu haben hat mich schon ein wenig scharf gemacht. Vielleicht ist es aber auch nur eine Wahnsinns Morgenlatte, denn ich muss sehr dringen für kleine Jungs. Meine Hose und das T-Shirt sind schnell angezogen nur die Socken sind verschwunden. Unterm Bett liegen etliche Wollmäuse aber auch hier ist von den Socken keine Spur zu sehen. In meinen Taschen befinden sich Handy und Schlüssel. Das sollte reichen um nachhause zu kommen. Um das Bett herumgehend taste ich die mir unvertraute Umgebung nochmals mit den Augen ab und stolpere am Bettgiebel über einen Beutel mit dreckiger Wäsche den ich offenbar übersehen habe. Zum Aufräumen hatte ich eigentlich keine Lust aber zwischen der nun herumliegenden Wäsche kam ein kleiner Brief zum Vorschein. Ich bücke mich, um mir den Brief genauer zu betrachten. Er ist ungeöffnet und an eine Sarah Bauer adressiert. Verschickt wurde er von der Staatsanwaltschaft. Das scharfe Ding, sah sie doch vorhin noch so unschuldig aus. Auch wenn ich mich nicht erinnern kann, so hoffe ich, dass die letzte Nacht ebenfalls nicht ganz unschuldig ausging. Oh Gott, ich muss dringend auf Toilette. Die Klamotten und den Brief wieder in den Beutel gestopft verlasse ich das Schlafzimmer barfuß.