Kapitel 1 – Der Anfang vom Ende

Ich öffne langsam meine Augen. Meine Erinnerung an die letzte Nacht ist genauso verschwommen wie mein Blick. Mir ist etwas schwindelig und ich fühle mich wie gelähmt, unfähig mich zu bewegen. Leichte pulsierende Kopfschmerzen machen sich bemerkbar. Das Tageslicht, obwohl nicht besonders hell, brennt mir in den Augen. Ich kneife sie zusammen um wieder scharf sehen zu können aber es hilft nicht. Vor meinen Augen befindet sich ein Meer von Grüntönen die sich abwechselnd im und gegen den Uhrzeigersinn drehen und kleine Streifen und Fäden unterschiedlichster Farben nach sich ziehen. Je länger ich versuche ein scharfes Bild vor Augen zu bekommen umso mehr merke ich, wie sich die Kopfschmerzen in den Vordergrund drängen. Das sind die Nachwirkungen der letzten Nacht. Ich muss es wohl ziemlich übertrieben haben, denn irgendetwas fühlt sich so gar nicht richtig an.

Da ich mich nun nicht bewegen und auch nicht wirklichen etwas sehen kann beschließe ich einen Moment Inne zu halten und gedanklich meinen Körper von unten nach oben zu checken. Ich konzentriere mich auf meine Zehen und tatsächlich, ich kann sie bewegen. Etwas erleichtert muss ich grinsen als ich bemerke, dass ich offensichtlich noch meine Schuhe besitze. Das wäre schließlich nicht das erste Mal, dass ich mit den Jungs unterwegs war und am nächsten Morgen halb bekleidet und ohne Schuhe irgendwo im Nirgendwo erwache. Und während ich daran denken muss stoße ich ein leichtes: „Gott sei Dank“ aus meinem ziemlich trockenen Mund. Reden kann ich also offensichtlich auch noch.

Meine Gedanken schweifen wieder ab und ich überlege ob man reden kann und seine Beine spürt wenn man nicht mehr unter den Lebenden weilt. Irgendwie erheitert mich der Gedanke, dass es das Einzige ist was man noch macht wenn man in der Kiste liegt. Vermutlich würde man dabei auf Ewig und in Gedanken Jazz hören und genau diese verwirrenden Grüntöne sehen.

Das klingt irgendwie genau nach meiner Situation und mir läuft ein kalter Schauer über meinen Rücken. Hab ich das gerade gefühlt oder bilde ich mir das nur ein? Etwas sticht mir in den Rücken. Etwas oberhalb vom Lendenwirbel, da wo die ganzen Schreibtischhengste ein Hohlkreuz haben. Ich ziehe meine Schultern hoch und winde mich etwas auf dem Boden. Das Stechen lässt erst nach und verschwindet dann ganz. Bin ich ein Schreibtischhengst, habe ich ein Hohlkreuz? Obwohl ich mich an vergangene Saufgelage mit den Jungs erinnere weiß ich nicht so recht, wer oder was ich bin. „Wer bin ich?“ – „Puh!“ Es fällt mir wieder ein – „Julian. Ich bin Julian.“

Nachdem ich das nun geklärt habe, versuche ich weiter meinen Körper abzutasten und mich zu konzentrieren.

Unterschenkel – Check, die Waden lassen sich anspannen.

Oberschenkel – Check, die Muskel zucken, wenn auch etwas mühselig.

Die Bauchmuskeln – Hab ich überhaupt welche? Mir fällt ein, dass ich nicht unbedingt der Sportlichste bin. Daher sicher auch das Hohlkreuz. Verdammt, ich muss mich mehr bewegen sonst bin ich mit vierzig ein Wrack. Vielleicht bin ich ja schon vierzig? Bin ich vierzig? Ich bin mir nicht sicher aber Woodstock habe ich nicht erlebt. Wann war das, in den Sechzigern? Welches Jahr haben wir heute? Vergessen wir das. Konzentrier Dich! Ich atme tief und langsam durch den Mund ein und spüre wie sich mein Brustkorb hebt. Nachdem ich die Luft kurz angehalten habe atme ich langsam wieder aus und mein Brustkorb beginnt sich zu senken. Das ist ein gutes Zeichen, oder? Jedenfalls ist es mehr als nur mit den Zehen zu wackeln und Jazz zu hören. OK – Jetzt die Hände. Linke Hand, kleiner Finger – läuft; Ringfinger läuft; Stinkefinger – Wer hat sich nur dieses hässliche Wort dafür – läuft; Zeigefinger und Daumen weisen ebenfalls Funktionen auf. Der Versuch mit der rechten Hand läuft ebenfalls ganz akzeptabel. Die Oberarme lassen sich auch anspannen. Mir scheint, dass es an der Zeit ist etwas mehr zu probieren.

Die Koordination beider Arme oder Beine oder gar von Beinen und Armen gleichzeitig ist sicher eine gute Übung um wieder in die Gänge zu kommen. Vorab sollt ich die Scheinwerfer nochmals prüfen. Augen auf! Augen auf! Verdammt! Die Lieder kleben zusammen als hätte ich eine scheiß Erkältung. Ein kurzes aber knackiges Panikgefühl befällt mich. Bin ich doch schon tot? Ich probiere es nochmals und die Lieder lösen sich voneinander. Der grüne Drehwurm ist noch da. Beim näheren Betrachten kommt es mir so vor als sei er jetzt langsamer als vorher. Der Versuch Scheinwerfer aus, Scheinwerfer an endet mit demselben Ergebnis. Scheinwerfer aus und zurück zum alten Plan.

Ein Schneeengel ist der erste Gedanke der mir in den Sinn kommt. Was mache ich aber nur wenn es gar kein Schnee ist auf dem ich liege? Der Ekel breitet sich in mir aus und ich stelle mir vor, dass ich nach dem letzten Abend in etwas sehr unappetitlichen liegen könnte. Hätte ich das nicht schon beim Fingertest spüren müssen? Schlimmer als jetzt kann es sicher nicht werden. Ich versuche doch erst den Boden mit den Händen abzutasten.

Konzentriert schaffe ich es meine Arme gleichzeitig auf und ab zu bewegen. Der Grund fühlt sich rau aber gleichzeitig auch sanft an und bildet einen leichten Widerstand gegen meine Bewegungen. Fasziniert von dem Material fangen meine Beine automatisch an sich zu bewegen. Es wird heller. In Gedanken verlasse ich meine Körper und sehe mir dabei zu wie ich unter einem Baum liegend einen Schneeengel in den kurz geschnitten Rasen darunter mache. Rasen, Gras. Wie automatisch geht der Riechkolben an und offenbart mir einen nicht unbekannten und süßlichen Geruch.

Noch immer mich selbst betrachtend schreie ich meinen Alter Ego an: „Mach endlich die verschissenen Augen auf und komm mit Dir klar!“ Es wird kurz wieder dunkel. Ich spüre, dass ich auf dem Bauch liege. Beide Arme sind unter dem Kopf verschränkt. Der Sabber läuft mir aus dem Mund. Nachdem ich meinen Kopf zur Seite gedreht habe öffne ich langsam meine Augen. Das Bild ist immer noch unklar aber dafür schemenhaft und nicht mehr so schrecklich grün. Die Kopfschmerzen machen sich wieder bemerkbar und eine innere Stimme sagt mir, dass ich mich lieber wieder unter den Baum begeben sollte.

Um die örtliche Orientierung was es scheinbar schon besser bestellt, denn obwohl sich meine Blicke langsam etwas schärfen habe ich keinen blassen Schimmer in welchem Bett ich aufgewacht bin. „Los, zieh Deine Sachen an!“ tönt es etwas poltrig von nebenan. Die Toilettenspülung springt an und kurz darauf tritt eine kleine, blonde, fast nackte Schönheit vors Bett. Der Anblick scheint mein Sehvermögen wieder genesen zu lassen, denn sofort schärfen sich meine Blicke. Ich drehe mich auf den Rücken, verschränkte die Hände jetzt hinter meinen Kopf. Ich muss etwas nachdenklich aussehen. „Du hast keine Ahnung wer ich bin, oder?“ Fragt sie mich zugleich vorwurfsvoll während sie ihre Arme in die Hüfte stemmte. Für einen kurzen Moment suche ich die Umgebung nach nützlichen Hinweisen ab, kann aber nichts Brauchbares finden. Für meinen Geschmack ist der halboffene Raum der scheinbar zum Wohnzimmer mündet etwas spärlich eingerichtet. Es gibt keine Bilder, die Wände sind kahl und weiß. An der Decke hängt eine Fassung mit eingeschraubter Glühbirne. Da wo eigentlich ein Schrank stehen sollte ist ein rollbarer Kleiderständer mit ein paar Jacken und Oberteilen. Daneben liegen noch zwei Stapel, einer mit zusammengelegten Jeans, der andere mit T-Shirts. Ich wende mein Blick wieder zu Ihr und mustere Sie von ob bis unten. Ein etwas bitter aber süß dreinschauendes Gesicht mit großen, braunen Augen, einer etwas zu kleinen, flachen Stupsnase und schmalen Lippen, wartete sichtlich auf eine Reaktion. Ihre blonden mit dunklen Strähnen gefärbten Haare bedeckten die Brustwarzen ihrer kleinen, runden Brüste. Der flache Bauch wurde von einer um den Bauchnabel tätowierten Sternschnuppe und einem glitzernden Piercing geziert. Ihre leicht gebräunte Haut sieht sehr gepflegt aus. Sie wird wohl Mitte zwanzig sein. Alles in allem ist es recht schade, dass ich mich gerade nicht an letzte Nacht erinnern kann.

„Arschloch“ Knallt Sie mir an den Kopf und bevor ich etwas sagen kann dreht sie sich um und läuft in den Nebenraum. Das Klicken eines elektrischen Feuerzeugs lässt mich darauf schließen, dass sie sich vor Wut gerade eine Zigarette angezündet hat. Irgendwie muss ich die Situation retten. Ich wälze mich auf die andere Seite des Bettes. Mit etwas Glück liegen dort vielleicht ein paar brauchbare Informationen. Gut, meine Klamotten hat sie noch nicht aus dem Fenster geworfen, die liegen etwas zerstreut neben dem Bett. Verdammt, warum kann ich mich nicht an letzte Nacht erinnern? Vielleicht sollte ich mich erst einmal anziehen. Ich schiebe die Bettdecke zur Seite, lass die Beine aus dem Bett hängen und richte mich auf. Zu meiner Verwunderung habe ich meine Unterhose noch an. Nochmals verdammt, die Vorstellung mit der Kleinen kopuliert zu haben hat mich schon ein wenig scharf gemacht. Vielleicht ist es aber auch nur eine Wahnsinns Morgenlatte, denn ich muss sehr dringen für kleine Jungs. Meine Hose und das T-Shirt sind schnell angezogen nur die Socken sind verschwunden. Unterm Bett liegen etliche Wollmäuse aber auch hier ist von den Socken keine Spur zu sehen. In meinen Taschen befinden sich Handy und Schlüssel. Das sollte reichen um nachhause zu kommen. Um das Bett herumgehend taste ich die mir unvertraute Umgebung nochmals mit den Augen ab und stolpere am Bettgiebel über einen Beutel mit dreckiger Wäsche den ich offenbar übersehen habe. Zum Aufräumen hatte ich eigentlich keine Lust aber zwischen der nun herumliegenden Wäsche kam ein kleiner Brief zum Vorschein. Ich bücke mich, um mir den Brief genauer zu betrachten. Er ist ungeöffnet und an eine Sarah Bauer adressiert. Verschickt wurde er von der Staatsanwaltschaft. Das scharfe Ding, sah sie doch vorhin noch so unschuldig aus. Auch wenn ich mich nicht erinnern kann, so hoffe ich, dass die letzte Nacht ebenfalls nicht ganz unschuldig ausging. Oh Gott, ich muss dringend auf Toilette. Die Klamotten und den Brief wieder in den Beutel gestopft verlasse ich das Schlafzimmer barfuß.

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